Georg Curio
Kommentar zur Vita
Unverständlichkeiten im Lebenslauf Georg Curios ergeben sich aus zwei Hauptgründen.
Zum einen liegt dies am umfangreichen, jedoch qualitativ sehr uneinheitlichen Forschungsstand. Es existieren zahlreiche Arbeiten, die Curios Lebensweg verzerrt, verkürzt oder unklar darstellen (u. a. Disselhorst, Kaiser/Völker, Wilhelmi, Willgeroth, Bethe). Daneben stehen jene Schriften, die die Materie – wenn auch mit einzelnen Abweichungen – weitgehend vollständig würdigen. An erster Stelle ist hier Kroker zu nennen, auf den sich der Großteil der neueren Forschung stützt. Hinzu kommen die NDB, die Weimarer Ausgabe, Hein, Curio, Scheible, Koch sowie Burmeister. Diese unterschiedlichen Darstellungsweisen „kohabitieren“ nebeneinander und erschweren eine einheitliche Bewertung.
Zum anderen beruht die Schwierigkeit auf Curios vielschichtigem Tätigkeitsfeld. Er durchlief nahezu alle Facetten der akademischen, theologischen und medizinischen Laufbahn quer durch das Alte Reich.
Gerade dieser wechselvolle Werdegang führte dazu, dass einige Autoren – sowohl ältere als auch jüngere, etwa Kroker (S. 45, 49, 56) oder zuletzt auch Burmeister (leicht zustimmend) – Curio Unstetigkeit vorwarfen.
Hinzu kommt die Wahrnehmung durch seine Zeitgenossen. Im Umfeld des Ehebruchsverdachts und des tätlichen Vorfalls wurde Curio als ingeniosus im negativen Sinne bezeichnet (vgl. Burmeister; WA Br 1947, 299).
Lässt man die Vorfälle des Jahres 1542 außer Acht, erscheint es jedoch unangemessen, Curios Laufbahn aus diesem Grund abwertend zu beurteilen. Sein Lebensweg verkörpert vielmehr die Wechselhaftigkeit einer sich neu entwickelnden Zeit und einer im Entstehen begriffenen Disziplin des höheren Wissens.
Addenda zum Biogramm
- Curio zahlte als Immatrikulationsgebühr in Leipzig 6 Groschen.
- Georg Curio ehelichte am 29. Januar 1532 die Witwe Ursula Schorer, die durch ihre Schwester Anna mit dem Mediziner Heinrich Stromer von Auerbach verschwägert war, in Leipzig (Burmeister; Scheible; Koch 2007; Kroker, 46f.). Mutmaßlich entsprang aus jener Ehe nicht nur die Tochter Dorothea, sondern auch ein in Lüneburg geborener Sohn, der den gleichen Namen wie sein Vater trug (Kroker, 54; Westphalen, 1433).
- Nach der artistischen Dozentur sowie der Arbeit als Examinator an der Universität Leipzig übernahm Curio kein höheres Amt an seiner Fakultät, da er, so Burmeister, von der Universität wegen einer Sprachstörung benachteiligt wurde.
- Ausschließlich Koch (Koch 2007) führt bei Curio ein medizinisches Licentiat mit dem Datum 28. Januar 1528 an, jedoch ist ein solcher Abschluss in Erlers (1897, 75) Promotionshandbuch nicht nachzuweisen. Dem Anschein nach hat Koch Erlers Eintrag missverstanden.
- Bereits vor seiner Abreise nach Italien soll der Humanist am 14. Juni 1529 eine Pfründe in Feuchtwangen als Stipendium erhalten haben (Scheible), wohingegen Erler 1897, 611, wie Burmeister, konkreter besagen, dass Curio für seine Studien ein Stipendium in Höhe eines Ehrenjahresgehaltes seiner Alma Mater erhielt.
- Konfessionelle Spannungen innerhalb der Stadt Leipzig zu Ostern 1533 verleiteten Georg Curio mitsamt seiner Ehefrau, die bereits in Nürnberg acht Jahre zuvor die Eucharistie sub utraque entgegengenommen hatte und dies nun erneut tat, in Wittenberg Zuflucht zu suchen (Kroker, 44, 49; Scheible; Burmeister; Koch 2007).
- Schwierigkeiten bestehen darin, genau festzulegen, womit sich der humanistisch gebildete Curio in den Jahren nach seiner Flucht und vor seinem Physikat in Braunschweig beschäftigte. Scheible führt hierfür eine mögliche Praxis in Ansbach an.
- In Wittenberg als besoldeter Anatomielektor angekommen, tätigte Curio einen Hauskauf im Jahre 1538 und wurde am 4. November desselben Jahres in die Medizinische Fakultät aufgenommen (Koch 2007; Kroker, 51).
- Laut Scheible und Alfred W. Hein leistete Curio seine medizinischen Dienste als Leibarzt nicht nur für Martin Luther, sondern auch für Kurfürst Johann Friedrich I. ab.
- Im Jahre 1542/1543 ereignete sich ein Zwischenfall in Wittenberg, der Curios folgenden Werdegang zutiefst beeinflussen sollte. Nach einem Wortgefecht auf dem Markt soll Curio einen gewissen Stephan Pucher, einen Freund des Stadtrichters Kaspar Teuschel, geschlagen haben. Danach sei Curios Ehefrau Ursula in das Haus des Stadtrichters – er war Nachbar der Familie Curio – geeilt, woraufhin Curio ihr erbost folgte, sie schlug und ebenso Teuschel selbst angriff. Im Anschluss zog sich Georg Curio für mehrere Wochen aus der Stadt zurück. In diesem Zeitraum entstand das Gerücht, Curio habe Ehebruch begangen. Nachdem Curio nach Wittenberg zurückgekehrt war, versuchten alle Parteien, den Zwist beizulegen. Der Versuch scheiterte allerdings, denn Curio habe erneut auf Pucher, welcher nebst der ausstehenden Bestrafung Curios durch den Rat der Stadt auch Wiedergutmachung einforderte, eingeschlagen. Seiner Stellung innerhalb der Stadt und Universität nicht mehr für würdig erachtet, wurde Georg Curio von allen öffentlichen Tätigkeiten ausgeschlossen worden. Ein großes Hin und Her entbrannte um den weiteren Verbleib des Mediziners entbrannte zwischen Curio und dem für ihn eintretenden Luther auf der einen sowie dem Rat der Universität und dem Kurfürsten auf der anderen Seite. Letztendlich wurden, dank Luthers Fürbitte, die Ehebruchsanschuldigungen von kurfürstlicher Seite fallengelassen worden, jedoch nicht die von Curio angewendete physische Gewalt. Daher wurde ihm nur noch die mit lediglich 80 Gulden vergütete dritte medizinische Professur der Leucorea offengelassen. Melanchthon und der kurfürstliche Kanzler Gregor Brück übten ebenfalls Druck aus, damit diesem Vorgehen nachgegangen wird, denn sie erhofften sich dadurch, Jakob Milich in Wittenberg beizubehalten, da dieser nun eine Vergütungserhöhung erhielt. Hiernach zog Georg Curio schlussendlich von Wittenberg weg. Der vorgestellte Sachverhalt wird gerne in der Literatur erwähnt, doch am akkuratesten wiedergegeben ist er in dem Briefwechsel Luthers in der Weimarer Ausgabe nachzulesen (WA Br 1947).
- Zur Zeit seines Lüneburger Physikates soll, so Koch 2007, Georg Curio gelegentlich am „Braunschweiger Pädagogium" – vermutlich an den Schulen Martineum und Katharineum – Griechisch unterrichtet haben.
- Engste Kontakte pflegte Curio unter anderem mit Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen, Justus Jonas (1493-1555) und Simon Wilde (Burmeister; Alfred W. Hein; Clemen; Buchwald 1894, 85-111).
- Im Nordosten des Alten Reiches seinen Unterhalt verdienend, bewogen ihn 1551 die Worte des Andreas Osiander auf die Seite der Osiandristen zu wechseln, aktiv an den theologischen Gesprächen seiner Zeit teilzuhaben und sogar Einfluss auf seinen Fürsten, Barnim IX., auszuüben, indem er versuchte, ihn von der Lehre zu überzeugen. Entweder die Aussichtslosigkeit der eigenen Sache erkennend oder weil er von seinem Fürsten entlassen worden war, begaben sich Curio und sein Mitstreiter Petrus Artopoeus, der zum Widerruf bereit war, 1556 zur Schlichtung des Disputes nach Wittenberg. Was nun in Wittenberg im Detail geschah, scheint unklar zu sein. Zumindest lässt sich sagen, dass es Curio nicht vermochte, sich in Wittenberg zu halten und binnen kurzer Zeit nach Leipzig aufbrach (Kroker, 56f.; Scheible; Koch 2007).
- Unter Georg Curio promovierten Johann Dach und Matthias Thim (Koch 2007).
Literatur und weiterführende Links
- Alfred W. Hein
- Bethe 1932, 25
- Böhmer/Kabus 1981, 26, 43, 50
- Buchwald 1893, 162f.
- Buchwald 1894, 94-96, 101f., 105f., 108-110
- Buchwald 1895, 105
- Burmeister 2015, 171f.
- CIV: https://www.civ-online.org/de/service/datenbank/#/matrikel/59cbe9a4d310d83800008f48
- Clemen 1907, 114
- Curio 2006, VII/1-7, 11f.
- Disselhorst 1929, 85
- Erler 1895, 483 (=Matrikel Leipzig)
- Erler 1897, 75, 495, 574, 577-579, 583, 594, 598, 601-603, 605, 609, 611
- Förstemann 1841, 177
- Friedensburg 1917, 212-214
- Friedensburg 1926, 201f.
- Hein 1959, 91-111
- Hofheinz 2001, 25, 308
- Junghans 2005, 242, 261, 265
- Kaiser/Völker 1980b, 14
- Koch 2003, 167f., 170f.
- Koch 2007, 292, 306f.
- Krabbe 1854, 520f.
- Krause
- Kroker 1908, 41-58
- Krüger 1978, Bd. 2, 1215
- Lackmann 1728, 43 (Lucas Lossius und Curio lernten sich wahrscheinlich in Lüneburg kennen oder über Melanchthon/Luther).
- Ludwig Enders, 361
- Matrikel Greifswald, Bd. 1, 147v
- Matrikel Rostock: http://matrikel.uni-rostock.de/pnd/132990989
- RAG: https://resource.database.rag-online.org/ngXN3O678XP49mtrrYQmiVjm
- Reddemann 2003, 207
- Scheible 2003, 326f.
- Tschackert 1900, 17f., 30
- WA Br 1935, 465-467, 548f.
- WA Br 1937, 493
- WA Br 1941, 380f., 602
- WA Br 1947, 242-245, 260f., 298-301
- Wehrmann 1904, 180f.
- Westphalen 1739-1745, Bd. 3, 1432f.
- Wilhelmi 1901, 6f.
- Willgeroth 1929, 225